Die geliebte Zigarre – im Tode vereint
Liebe und Tod gehören zusammen. Freud hat einen
Antagonismus von Libido und Todestrieb postuliert. Eine komplexere
Verschränkung legen sieben Liebesgeschichten nahe: die tragische Liebe von
Freud zu seiner Zigarre, die paradoxe des gequälten Kükens zu seiner Glucke,
die luzide des Ödipus zur Sphinx, die gescheiterte des schönen und
kunstsinnigen Apoll zu Coronis, die erste, verwickelte von Adam und Eva, die
klassische von Romeo und Julia und schließlich die verhängnisvolle bzw.
verschmähte Liebe von Inanna zu Dumuzi bzw. Gilgamesh.
Da Freud als Arzt um die Gefahren seiner Liebe zur
Zigarre wusste, versuchte er sich zu entwöhnen. Sein Kampf gegen das
suchtartige Rauchen war vergeblich trotz der Hilfe seines Freunds Fließ, der
ihm das Rauchen verbat. Ohne Zigarre verlor Freud die Lust am Leben und
Arbeiten. Bedenkt man die große Bedeutung der Zigarre für ihn, so ist seine
bekannte Äußerung erstaunlich: „Manchmal ist eine Zigarre nur eine Zigarre.“
Verständlicherweise wollte er sich schützen gegen wilde Deutungen, welche die
Phallusform der Zigarre nahe legt. Tatsächlich kann die Form in die Irre
führen. Das Saugen und die beruhigende Wirkung verweisen eher auf Brust und
Schnuller.
Eine lebensbedrohende Erkrankung und die damit
verbundene Angst führen oft zu einer Regression. Der Kranke wendet sich von der
schrecklichen Gegenwart ab und lebt in der Vergangenheit. In terminalen
Zuständen kommt es leicht zu Personenverkennungen, eine Krankenschwester oder
die zu Besuch kommende Ehefrau oder Tochter werden als Mutter angesprochen.
Verwundete und sterbende Soldaten rufen auf dem Schlachtfeld häufig laut nach
ihrer Mutter.
M. Mahler hat das Verhalten von kleinen Kindern in der
Sandkiste beschrieben. Nach einer gewissen Zeit des Spielens läuft ein solches
Kind zu seiner Mutter, um seelisch aufzutanken. Dazu kann es einen äußeren
Anlass geben, Erschrecken oder Schmerz, oder auch nicht, als spontane Handlung.
Hat das Kind genügend Zuwendung erhalten, wendet es sich wieder der Sandkiste
zu. Das regressive Verhalten des erkrankten Erwachsenen folgt demselben Muster.
Daher ist das Pendeln zwischen Mutter und Sandkiste eine Metapher für den
gesamten Lebensweg des Menschen.
Küken zeigen ein vergleichbares Verhalten, bei Gefahr
suchen sie Schutz bei ihrer Mutter. In einem grausamen Experiment wurden Küken
mit einem Sender versehen, mit dem der Experimentator jedem Küken, das eine
bestimmte Distanz zur Glucke unterschritt, einen Stromschlag verabreichte. Im
Sinne der Theorie der Aversion hätte jedes Küken lernen müssen, von der Mutter
Abstand zu halten. Das Gegenteil war der Fall. Sobald das Küken durch den
Schlag erschreckt wurde, lief es zu seiner Mutter. Weitere Stromschläge
bewirkten nur, dass es unter den Fittichen der Henne nicht mehr hervorkam.
Ähnliche grausame Experimente stellt das Leben mit menschlichen Kindern an, die
von ihren Eltern misshandelt werden und sich als umso fester an diese Eltern
gebunden erweisen.
Zu erwarten ist, dass auch der kranke Freud in
irgendeiner Form bei seiner Mutter Zuflucht gesucht hätte. Tatsächlich
verfasste er in der Zeit seiner Erkrankung die Todestriebtheorie. Sie ist in
ihrem Kern spekulativ. Freud postulierte eine konservative Tendenz der Materie,
die danach strebe, in ihren früheren, anorganischen Zustand zurückzukehren. Wie
Freud an anderer Stelle betont hat, enthält das Wort Materie die „mater“, die
Mutter. Der Mutter wird eine Tendenz zugeschrieben, was die Projektion des
Wunsches des Kindes ist, nämlich bei Gefahr in den früheren Zustand der
„organischen“ Verbundenheit mit der Mutter, in das Organ Gebärmutter
zurückzukehren. Freud hat hier die Abwehrmechanismen der Verschiebung,
Projektion und Verneinung angewendet. Warum musste er den natürlichen Wunsch
nach der Mutter rigoros abwehren?
Die Liebe zu seiner Mutter Amalia war belastet. Er
brachte das zum Ausdruck in seiner Identifizierung mit Herakles, der von seiner
göttlichen Mutter Hera gehasst wurde, trotzdem aber alle Arbeiten ihr zum Ruhm
ausführte. Wie Herakles hatte Freud zwei Mütter, Amalia und eine tschechische
Kinderfrau, die sich um ihn kümmerte, als Amalia zur Kur ging als Sigmund 13
Monate alt war und auch als Amalia nach dem Tod von Freuds jüngerem Bruder und
ihrem eigenen Bruder depressiv wurde. Sigmund war noch nicht ganz drei, da
wurde die Kinderfrau wegen eines angeblichen Diebstahls entlassen. Erschwerend
war die narzisstische Persönlichkeitsstruktur Amalias, die sich, als ihr Sohn
erwachsen war, im Glanz ihres „goldenen Sohnes“ sonnte. Freud besuchte sie
sonntags regelmäßig, litt jedoch unter Magenschmerzen.
Um zu verstehen, was frühe Traumen, insbesondere eine
narzisstische Mutter für die Entwicklung bedeuten, ist es wichtig sich die enge
Beziehung zwischen Narzissmus, Identitätsbildung und Liebesfähigkeit ins
Gedächtnis zu rufen. Anfangs erlebt sich der Säugling als ident mit der Mutter,
wendet sich jedoch mit angeborener Neugier der Welt außerhalb der Dyade, der
„Sandkiste“ zu, um immer wieder zur
Mutter zurückkehren. Die Differenzierung von der Mutter und somit eine eigene
Identität erwirbt das Kind in diesem Pendeln, das wie die Identitätsbildung ein
lebenslanger Vorgang ist, der nie völlig zum Abschluss kommt. Der Narzisst ist
auf diesem Weg nicht weit gekommen, er ist das Kind, das sich von der Mutter
nicht lösen, nicht in die Sandkiste konnte, er ist das verschreckte Küken, das
unter den Fittichen der Glucke geblieben ist. Da die eigene Identität nicht von der der
Mutter differenziert wurde, gibt es auch den anderen nicht als eigenständige,
abgegrenzte Person, die in ihren Wünschen und Eigenarten respektiert und
geliebt wird. Stattdessen wird der andere als ein Ding betrachtet, als
schmückendes, phallisch-narzisstisches Objekt, das den eigenen Bedürfnissen
gemäß beliebig manipuliert und verändert werden kann, um mit seiner Hilfe
Bewunderung einzuheimsen. Damit Identität und Liebesfähigkeit erreicht
werden können, müssen nach Kohut zwei Voraussetzungen gegeben sein:
1.
das spiegelnde
Auge der Mutter
2.
optimale
Frustration
Das spiegelnde Auge ist eine Metapher für die Liebe
der Mutter zu ihrem Kind, wo das Kind so angenommen wird, wie es ist, mit all
seinen Unvollkommenheiten. Die Mutter findet ihr Kind großartig, es ist das
schönste und beste auf der Welt. Kann die Mutter das nicht bieten, wird das
Kind beispielsweise mittels übersteigerten Ehrgeizes ein Leben lang einen
solchen Spiegel suchen. Die außerordentlichen Leistungen sollen dann doch noch
den spiegelnden Glanz der Bewunderung im Auge der Mutter hervorrufen. Demselben
Zweck dienen ein teures Auto, eine außerordentliche Karriere und ähnliches. Das Rennen nach
Geld und Ruhm, die nie genügen können, führt zum Versäumen des Lebens. Narziss
verhungert beim Betrachten seines Abbildes im Wasserspiegel. Eine
narzisstische Mutter, wie die Stiefmutter in Schneewittchen, kann kein Spiegel
sein, sie benötigt selbst einen. Das Kind ist in seinem unverzichtbaren
Bedürfnis nach der spiegelnden Mutter an sie gebunden, was seinen Spielraum
einengt und der Symptomatik der Klaustrophobie zu Grunde liegt. Auch die Angst
vor Spinnen, die ihre Opfer mit ihrem Faden binden und einwickeln und sie
aussaugen hat hier ihre Wurzeln. Da ein Kind seinem Bedürfnis nach der
spiegelnden Mutter nicht entkommen kann, ist eine solche Mutter für das Kind
schicksalhaft, was sich im Mythos von den Schicksalsgöttinnen, den Moiren oder
Parzen manifestiert, die den Menschen „am Faden halten“. Das Aussaugen haben
Spinnen und Vampire gemeinsam. Letztere besitzen kein Spiegelbild.
Eine andere Bezeichnung für dasselbe ist die
„phallische“ Mutter. Der Phallus ist der Penis als Symbol des Narzissmus. Er
ist in einem doppelten Sinn hohl. Einerseits als Kennzeichen der unechten,
Fassadenhaften Identität des Narzissten, andererseits drückt die Hohlheit den
unersättlichen Hunger nach Anerkennung aus. Ein Phallus hat eine verschlingende
Qualität wie eine Schlange. In ihm ist eine fressende Scheide verborgen. Ein
antiker Künstler hat das an der Skulptur der Kybele anschaulich gemacht. In
ihrem Schoß liegt ein Löwe. Die Oberschenkel seiner Hinterbeine sind geformt
wie die Eichel eines Penis, der Körper des Tieres bildet den Schaft und die
Mähne die Schambehaarung. Von vorne gesehen imponiert das zum Verschlingen
aufgerissene Maul, die Vagina dentata.
Paradoxerweise ist nicht nur der Phallus Zeichen der
narzisstischen Verletzung, sondern auch die Kastration. In ihr drückt sich der
Wunsch aus, den Geschlechtsunterschied zur Mutter aufzuheben, mit ihr ident zu
sein. Deshalb kastrierten sich Attis, der Sohn der Kybele, ebenso wie in seiner
Nachfolge die Priester der Kybele. Auch katholische Priester bei der Messe und
Mönche tragen Frauenkleider. Das Zölibat ist eine symbolische Kastration.
Die zweite Voraussetzung für den Erwerb der
Liebesfähigkeit ist die optimale Frustration. Sie hat einerseits von der Mutter
auszugehen, die Grenzen setzen muss, um nicht zu verführerisch und verwöhnend
zu sein, wobei sie Grausamkeit vermeiden sollte, da sie sonst dem Schema des
gequälten Küken folgend das Kind erst recht an sich bindet. Andererseits hat
der Vater dieselbe Aufgabe. Er sollte sich dem Kind als alternatives
Liebesobjekt anbieten, um es von der Mutter wegzulocken, ein Sachverhalt, den
Freud unter der Überschrift „negativer Ödipuskomplex“ behandelt hat. Dass der
Vater gleichfalls Verbote auszusprechen und Grenzen zu setzen hat, versteht sich
im Sinne der Über-Ich-Bildung von selbst.
Beim Narzissten ist dieser ganze Prozess misslungen.
Sein Wunsch mit der Mutter ident zu sein bleibt sehr stark, es gibt „keine
Sandkiste“, er verharrt „unter den Fittichen“, was einem Aufgeben bzw. einem
Verzicht auf Individualität, ein eigenes Selbst bedeutet. Das ist wieder
gleichzusetzen mit psychischer Nichtexistenz, dem Wunsch nach dem Tod, den
Freud als allgemein menschlich erspürt und als Todestrieb benannt hat.
Gleichzeitig ist der Tod paradoxerweise das ewige Leben, da es im Einssein mit
der Mutter keine Grenzen und daher auch keine Zeit gibt. Der Tod als
Voraussetzung für das ewige Leben findet sich in vielen Religionen. Erst kommt
das Sterben, dann der Himmel. Hier ist die Verknüpfung von Liebe und Tod. Der
Todeswunsch ist der Wunsch mit der Mutter in Liebe eins zu werden.
Gelingt hingegen der Vorgang der Überwindung der
Identität mit der Mutter im Pendeln, so bildet sich eine eigene Identität nicht
nur aus, die spiegelnde Mutter hat auch ermöglicht, sie zu erkennen. Die
Erkenntnis greift Platz, nicht die göttliche Mutter, sondern nur ein
sterblicher Mensch zu sein. In der Selbsterkenntnis liegt das Annehmen der
Trennung von der Mutter und der Begrenztheit des Lebens.
Im Fall des Misslingens kommt erschwerend hinzu, dass
das Gefühl festgehalten, gebunden und benutzt zu werden, Hass gegen die Mutter
erzeugt, die somit hoch ambivalent besetzt ist. Wird der Hass projiziert,
steigert er die Furcht vor der Mutter, die ohnedies mit dem Tod assoziiert ist.
Freud musste den Hass gegen seine Mutter unbewusst
halten, da er nicht seinem Selbstbild als guter Sohn entsprochen hätte. Das
Rauchen war eine ideale Kompromissbildung. Die libidinöse Fixierung an die
Mutterbrust konnte er mit Hilfe der stets zur Verfügung stehenden Zigarre
befriedigen. Der Hass wurde gegen die eigene Person gewendet und das Wissen um
die gesundheitsschädigende Wirkung des Rauchens befriedigte ihn. Weitere
Kompromissbildungen waren: Freud besuchte zwar jeden Sonntag seine Mutter, kam
aber immer zu spät. Die Magenschmerzen, die er dabei regelmäßig hatte, drückten
sowohl seinen Wunsch aus, die Mutter in sich aufzunehmen, als auch sein
Empfinden, dass sie als schlechte Mutter unverdaulich sei. Die intensive
Ambivalenz gab zur Spaltung des Mutterbildes in gut und böse Anlass. Beide
Imagines wurden projiziert. Freud sprach von seinem Bedürfnis nach einem Freund
und einem Feind, ein Umstand, der Freund intolerant gegen theoretische
Abweichungen machte und zu Spaltungen in der psychoanalytischen Bewegung
führte.
Weitere Äußerungen des unbewussten Hasses gegen seine
Mutter sind die Feststellung, dass Frauen ein schwaches Über-Ich hätten und der
Umstand, dass Freud missbräuchliche Behandlungen von Analysandinnen durch seine
Schüler zuließ.
Seine Tochter Anna war für Freud ein Mutterersatz. Sie
hat seine Arbeit bewundert und ihm somit, wenn auch zu spät, das spiegelnde
Auge der Mutter geboten. Der Vater als eigener Analytiker konnte ihr allerdings
nicht gut getan haben, was als Manifestation des unbewussten Hasses gelten
kann.
Auf einem berühmten Foto sehen wir Freud wandernd mit
seiner Tochter Anna. Um die Bedeutung noch klarer zu machen, raucht Freud, wenn
auch nicht Zigarre so doch Pfeife. In der anderen Hand hält er einen Stock. Die
Ähnlichkeit zum Bild des Ödipus mit Blindenstock, der von seiner Tochter
Antigone geführt wird, ist augenscheinlich.
Der Ödipusmythos besteht aus mehreren Teilen,
beginnend mit der Aussetzung, welche als Trennungstrauma oder als Symbol der
Unerreichbarkeit einer narzisstischen Mutter verstanden werden kann. Die mit
einer goldenen Spange, einem Schmuckstück, einem phallischen Objekt,
durchbohrten Füße stehen für die Fixierung an die Mutter, Ödipus konnte nicht
von ihr weggehen. Außerdem ist er zum „Schwellfuß“[1]
geworden, zum Phallus der Mutter, was ihn mit Herakles, „Heras Ruhm“ und Freud,
dem „goldenen Sohn“ verband. Der Missbrauch als benütztes, phallisches Objekt
erzwingt lebenslange Suche nach der Mutter, einerseits um das entbehrte
Spiegeln zu bekommen und dann die Mutter verlassen zu können, damit die
„Sandkiste“ aufgesucht werden kann, andererseits um, der libidinösen Fixierung
folgend, mit der Mutter zu verschmelzen.
Die Stationen, welche Ödipus durchlief, sind zu
vergleichen mit Sequenzen eines Traums, wobei jedes Mal derselbe unbewusste
Wunsch deutlicher ausgedrückt wird.[2] Die
einzelnen Etappen waren Delphi, die Sphinx, Iokaste und Kolonos.
Delphi ist das Heiligtum Apolls, dessen Vater, der
narzisstische Macho Zeus, die Mutter, Leto, nach der Schwängerung verlassen
hat. Leto musste noch eine weitere Kränkung während ihrer Gravidität hinnehmen.
Die eifersüchtige Hera wollte sich rächen und die Geburt verhindern, indem sie
jedem Land untersagte, Leto aufzunehmen. Python, eine männliche Schlange,
wollte gleichfalls die Geburt verhindern. Da Python und Hera dieselbe Absicht
verfolgten, sind sie gleich zu setzen und verkörpern beide die gekränkte und
rachsüchtige Mutter. Unmittelbar nach der trotz aller Hindernisse doch
stattgehabten Geburt tötete Apoll mit Pfeilen Python. Damit drückte er den Hass
auf seine Mutter aus, gleichzeitig, und das ist die offizielle Version, rächte
er sie, womit seine frühe Instrumentalisierung und Benützung durch die Mutter
deutlich wird. Python war ein Sohn Gaias, der Erde, die in Delphi eine heilige
Quelle besaß. Einer älteren Erzählung zufolge war der Gegner
Apolls eine weibliche Schlange namens Delphyne, was Gebärmutter heißt. Von ihr
leitet sich der Name des Heiligtums her. Ein Beiname Apolls war sogar
„Delphinios“[3], er konnte die Gestalt
eines Delphins annehmen, eine Manifestation seines Wunsches nach Einssein mit
der (Gebär-)Mutter. Häufig werden Muttergöttinnen oder ihre Eigenschaften
vermännlicht im Rahmen von Patriarchalisierung, deren psychologische Wurzel die
Angst vor der Frau, dem Tod bildet.
Der Hass gegen die Mutter bewirkte, dass Apoll trotz
seiner Schönheit und seines musischen Talents kein Glück bei den Frauen hatte. Coronis, von
Apoll schwanger, betrog ihn. Apoll tötete sie wie Python mit Pfeilschüssen.
Dann reute ihn seine Tat, und er versuchte sie mit seinen Heilkünsten, er war
der Arzt der Götter, wieder zum Leben zu erwecken, leider vergeblich. Deshalb
schnitt er ihr das Kind aus dem Leib, Asklepios. Ärztliches Handeln beruht also
auf dem unbewussten Wunsch, die Aggression gegen die Mutter ungeschehen zu
machen.
Woher hatte Asklepios seine Fähigkeit zu heilen, die
soweit ging, dass er sogar Tote lebendig machen konnte? Wohl von Apoll, seinem
Vater. Allerdings war dieser selbst als
„Delphinios“ eine Frau. Einen weiteren Hinweis liefert der Schlangenstab
Äskulaps. Die Schlange kriecht auf der Erde und ist deshalb ein Symbol der
Leben schenkenden Erdmutter. Ihr Gift jedoch ist tödlich. Tatsächlich finden
wir bei archaischen Göttinnen die bereits besprochene Verknüpfung von Leben,
Liebe und Tod. Der Tanz der sumerischen Göttin Inanna ist ein doppelter. „Auf
Inannas Knien tanzen“ heißt mit ihr, bzw. mit der sie vertretenden Priesterin
Verkehr zu haben. Der „Tanz der Inanna“ ist der Kampf auf dem Schlachtfeld. Bei
ihr sind die beiden Aspekte Liebe und Tod nebeneinander und unterscheidbar, sie
ist in deklarierter Weise eine Göttin der Liebe und des Todes.
Hingegen sind bei Eva die beiden Aspekte ineinander
verschränkt. Hewwa bedeutet Mutter allen Lebens. Einer der beiden Bäume in der
Mitte des Gartens Eden ist der Baum des Lebens. Von seinen Früchten zu essen
bringt ewiges Leben. Wie oben ausgeführt bedeutet ewiges Leben Aufgehen in der
Mutter und Tod. Die Schlange, der in der Antike auf Grund ihrer Fähigkeit zur
Häutung Unsterblichkeit nachgesagt wurde, verführt Eva und dann Adam zum
Verzehr der Äpfel des Baumes der Erkenntnis, die Folgen sind die Vertreibung
aus dem Paradies, somit der Tod und – wie der Name des Baumes besagt –
Erkenntnis. Die Erkenntnis bezieht sich auf das Gewahrwerden des eigenen,
unabwendbaren Todes, der zum Menschsein gehört. Es ist die Selbsterkenntnis,
die dem spiegelnden Auge der Mutter verdankt wird. Insofern heißt an ihrer
Brust zu trinken, den Apfel zu essen, die Mutter zu erkennen, der biblische Ausdruck
für Geschlechtsverkehr, sich selbst zu erkennen. Selbsterkenntnis ist die im
innigen Kontakt mit der Mutter erworbene Verinnerlichung ihres spiegelnden
Auges. Andererseits bedeutet Verkehr mit der Mutter Verschmelzung und Tod,
weshalb es „böse“ ist die Geschlechtsorgane, die zum Verkehr reizen, zu zeigen.
Nacktheit muss fortan vermieden werden.
Um dem Sog des Verschmelzungswunsches, des Wunsches
nach Tod und ewigem Leben, widerstehen zu können, ist zusätzlich das Verbot des
Vaters im Sinn der Triangulierung notwendig. Gott Vater vertreibt die Menschen
aus dem Paradies, damit sie nicht essen vom Baum des Lebens und selbst Gott
werden.
Der Überlieferung zufolge sollen am Eingang des
Tempels von Delphi die Inschriften „Erkenne dich selbst“, „nichts im Übermaß“
und „du bist“ angebracht gewesen sein. Die Selbsterkenntnis schützt vor dem
Übermaß, der Überschätzung, der Hybris und ermöglicht das Sein als das, was man
tatsächlich ist, ein sterblicher Mensch.
Delphi beherbergte den Nabelstein und galt als Mittelpunkt
der Welt, wie die Mutter den Mittelpunkt unseres Lebens bildet. Die Nabelschnur verbindet anfangs organisch
mit ihr. Das Netz, das den Nabelstein umhüllt, ist ein Symbol für die Bindung
wie – allerdings mit negativem Vorzeichen – das Netz der Spinne.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Ödipus zuerst
nach Delphi, zur Gebärmutter gegangen ist. Die Motivation war noch eine
doppelte: die nach Selbsterkenntnis und Leben und die nach Verschmelzung mit
der Mutter und Tod. Wir werden sehen, dass bei den weiteren Stationen das
zweite Motiv auf Kosten des ersten an Kraft gewann.
Sphingo bedeutet erwürgen, auch durch Zauber
festbinden. Die Sphinx ist eine zauberhafte Frau, die Männer zu fesseln vermag.
Sie frisst Männer, daher hat sie einen Löwenkörper und einen phallischen
Schlangenschwanz. Die Flügel werden wahrscheinlich zu einem Fleisch fressenden
Raubvogel gehören. Die Sphinx ist wie ein Alptraum die Inkarnation des
unbewussten Wunsches von der Mutter verschlungen und so mit ihr vereint zu
werden.
Ein wesentlicher Aspekt des Rätsels der Sphinx ist die
wechselnde Nähe zur Erde. Am Morgen, als Kind ist der Mensch vierfüßig, er hat
die größte Nähe zur Mutter (Erde). Mittags, als Erwachsener geht er in die Welt
hinaus, er hat den wenigsten Kontakt zur Erde, ohne ihn allerdings ganz zu
verlieren, immer noch steht er mit zwei Beinen auf ihr. Am Lebensabend sucht er
wieder mehr Nähe zur Mutter, sein Wunsch mit ihr zu verschmelzen gewinnt an
Kraft.
Noch konnte kann Ödipus diesem Wunsch widerstehen. Er
war imstande sich als getrenntes Wesen, als sterblicher Mensch zu erkennen und
das Rätsel zu lösen. Den unerfüllten Wunsch projizierte er auf die Sphinx, die
sich deshalb in den Abgrund, die Mutter, den Tod stürzte. Neurotische
Höhenangst ist so verständlich.
Bei Iokaste erfüllte sich Ödipus den abgewehrten
Wunsch partiell im genitalen Koitus. Partiell, weil der Wunsch auf eine totale,
permanente Vereinigung zielte. Teiresias rettete Ödipus noch einmal vor seinem
Wunsch. Er bot ihm die Möglichkeit der Selbsterkenntnis und trennte so Mutter
und Sohn.
Teiresias konnte das auf Grund eigener Erfahrung. Er
hatte einmal ein kopulierendes Schlangenpaar gesehen und mit seinem Stock das
Weibchen erschlagen. Sogleich hatte er sich selbst in eine Frau verwandelt.
Neuerlich ein Mann war er einige Jahre später geworden, als er wieder einem
Schlangenpaar begegnet war und das Männchen getötet hatte. Auf Grund der
aggressiven Identifizierung mit der Mutter, die er durchlebt aber mittels der
Identifizierung mit dem Vater rückgängig
gemacht hatte, konnte er verstehen, was Ödipus gerade erlebte und ihm die
Erkenntnis vermitteln. Teiresias war somit Seelenführer, eine Rolle, die sonst
Hermes zukommt. Bezeichnenderweise besteht der Caduceus, das Attribut des
Hermes, aus einem Stab und einem Schlangenpärchen.
Nach dem Verlust Iokastes benötigte Ödipus einen
Ersatz, da er die Trennung nicht ertragen konnte. Er benützte dazu seine
Tochter Antigone. Töchter scheinen sich als Mutterersatz besonders gut zu
eignen. Antigone führte ihn nach Kolonos, wo sich der Hain der Semnai[4] mit
ihren Höhlen befindet. Semnai ist ein anderer Name für Erinyen, die mit ihrem
Schlangenhaar und den Flügeln der Sphinx ähneln. Wieder gesellt sich zu dem
todbringenden Aspekt der liebende. Eine weitere Bezeichnung der Erinyen lautet
Eumeniden, die Wohlwollenden. Ihr ihre Höhlen stieg Ödipus hinab und vereinigte
sich im Tod endgültig und mit dem ganzen Körper mit ihnen. Der Chor sang dazu sein berühmtes Lied, dessen letzte beiden
Strophen lauten: "Nicht geboren zu sein, das geht / über alles; doch, wenn
du lebst, / ist das zweite, so schnell du kannst, / hinzugelangen, woher du
kamest.“[5]
Dem Schema der sequentiellen Wunscherfüllung folgt
auch die Geschichte von Romeo und Julia. Nach der genitalen Vereinigung der Liebenden
in Julias Bett kam die vollkommene im Grab. Immer gibt es eine Rationalisierung
für die tödliche Vereinigung, nie tritt der Todeswunsch unmaskiert auf. Bei
Romeo und Julia lag die rationalisierende Begründung für den Tod der beiden in
der Verfeindung ihrer Elternhäuser.
Nach der Heiligen Hochzeit zwischen Inanna und Dumuzi
kamen der Tod Dumuzis und seine Verbannung in die Unterwelt Ereškigals, ein
alter ego Inannas. Die überhebliche Haltung Dumuzis, der Inanna die Verehrung
schuldig blieb, lieferte die rationalisierende Begründung.
Der narzisstische Macho Gilgamesh wollte nicht
sterben, er weigerte sich Inannas Gemahl zu werden und wies auf das traurige
Schicksal ihrer früheren Liebhaber hin. Dafür erfüllte sich das Schicksal an
seinem Gefährten und alter ego Enkidu, der wie in der biblischen
Paradiesgeschichte als Wilder in der Steppe lebte. Die Tiere hatten keine Scheu
vor ihm, bis er mit Shamhat, einer Tempelprostituierten und Vertreterin Inannas
Sex hatte. Damit war der paradiesische Zustand beendet. Die Tiere flohen ihn,
und die Hierodule führte ihn in die Stadt, wo er der Vertraute des Gilgamesh
wurde. Nach der Schlachtung des Himmelsstiers, bei der Enkidu mitgeholfen
hatte, erkrankte er schwer. Vor seinem Tod verfluchte er Shamhat, der er die Schuld
an seinem Tod zuschrieb. Der abgewehrte und auf Inanna projizierte Wunsch des
Gilgamesh nach der tödlichen Vereinigung mit der Muttergöttin erfüllt sich an
seinem Gefährten Enkidu.
Zuletzt will ich zu Freud und Ödipus zurückkehren, um
sowohl ihre Gemeinsamkeiten als auch ihre unterschiedlichen Kompromissbildungen
aufzuzeigen. Beide waren verletzte, ausgesetzte Kinder, die deshalb an die
Mutter stark gebunden waren und sie gleichzeitig hassten. Sie litten unter
einem intensiven Ambivalenzkonflikt. Auf der einen Seite stand ihr Wunsch nach
maximaler Nähe, nach Verschmelzung, Entdifferenzierung und Tod. Auf der anderen
Seite der Wunsch nach Entwicklung, Individualität, Leben sowie die Angst vor
dem Tod, die durch den projizierten Hass noch verstärkt wurde. Die Kompromisse,
die Freud und Ödipus fanden, bestimmten ihren Lebensweg und brachten die
widersprüchlichen Wünsche zum Ausdruck. Der Wunsch zu leben oder nach der
„Sandkiste“ läuft immer über Selbsterkenntnis, die Zeichen der und Mittel zur
Differenzierung von der Mutter ist. Sie impliziert Bescheidenheit, das
Akzeptieren von Grenzen und vor allem der eigenen Sterblichkeit. Freuds Mittel
der Selbsterkenntnis war die Selbstanalyse, Ödipus hat sie in Delphi, durch die
Lösung des Rätsels der Sphinx und mit Hilfe des Teiresias angestrebt. Zuletzt
hat sich aber bei Freud und Ödipus der Wunsch nach dem Einssein mit der Mutter,
der Todeswunsch durchgesetzt. Zu seiner Erfüllung hat Freud die Zigarre
gewählt, Ödipus die Höhlen der Semnai.